Die Weihnacht eines Kindes in Ostpreußen

Wenn ich es recht bedenke, begann es für mich im Frühjahr, wenn ich auf meinen Waldwegen nach dem nächsten Weihnachtsbaum Umschau zu halten begann. Und glaubte ich ihn dann gefunden zu haben, manchmal früh, manchmal spät im Jahr denn die alten WaldIeute pflegten zu sagen, einen richtigen Weihnachtsbaum zu finden, sei mindestens ebenso schwer, wie die richtige Frau zu finden — so konnte ich ein paarmal in der Woche vor ihm sitzen, der noch durch nichts über seine Umgebung erhoben war, und mir vorstellen, wie ich ihn auf dem RiI.cken heimtragen und wie das Fest unter seinen Zweigen sein würde. Auch tat es diesem schönen Amt keinen Abbruch, als einmal am Heiligen Abend, als ich mit der Axt über der Schulter ihn holen kam, ein Wildschwein von nicht geringer Majestät sich unter seinen Zweigen erhob und zornig schnaufend aus dem gestörten Lager sich davonmachte. Vielmehr habe ich diesen Baum in einer besonders schönen Erinnerung, und ich weiß, daß ich mich nicht ohne Scheu umblickte, ob nicht vielleicht das Dach eines Stalles durch den verschneiten Wald zu sehen wäre und das Licht über der Krippe, das allen Tieren des Waldes eine Freistatt verheißen sollte.

Je tiefer ich zurückzugehen versuche in das Land der verfließenden kindlichen Erinnerung, desto mehr scheint mir, als ob nicht das erste Weihnachtslicht es sei, das sich aus dem Dunkel der Heiligen Nächte vor meinen Augen aufhebt, sondern als sei vielmehr die erste Erinnerung an den Glockenton gebunden, der an jedem Adventssonntag und in der letzten Adventswoche an jedem Abend “vom Himmel hoch” bis an die Fenster unsrer Wohnstube kam. Die Knechte, die wir während meiner Kinderzeit hatten, mögen in ihrer Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit verschieden gewesen sein, aber in einer Hinsicht war ihre Fertigkeit gleicher Bewunderung würdig: in der Kunst, den Klang der Schlittenglocke von der Stalltür bis zum Fenster so allmählich anschwellen zu lassen, daß auch der verstockteste Heide auf die Knie gezwungen worden wäre, weil eben kein Zweifel daran sein konnte, daß dieser Glokkenton aus dem Himmel herabgestiegen kam, von Schneeflocken umweht, vom Winde leise vertrieben, bis das Metall sich draußen auf das Fensterbrett legte und nun das Schweigen eintrat, das nur über zwei gefalteten Engelsschwingen wohnen konnte.

Ich kann nicht glauben, daß die “Hirten auf dem Felde” überwältigter gewesen sind vom Licht und Chor der himmlischen Heerscharen, als ich es damals war. Voller Ernst und Spannung wandten die Gesichter der Großen sich uns zu, indes wir die Hände falteten und nacheinander die Gebete sprachen, die man uns gelehrt hatte, wobei das Herz uns im Halse schlug und unsre Augen auf das verhängte Fenster gerichtet waren, hinter dem doch kein Schatten verriet, ob ein Engel oder Gottvater selbst davorstand. Und dann kam die dunkle fremde Stimme von jenseits der Sterne: “Sind’s art’ge Kind? Sind“s böse Kind?” Und die klare, tapfere Antwort unsrer Mutter: “Sind art’ge Kind!” Dann hob die Glocke sich auf, immer höher, leiser und ferner, bis sie verstummte und das Blut wieder zum Herzen strömte. Eine Weile später führte die Mutter uns in die Vorderstube, wo auf der Ecke des Tisches eine Pfeffernuß für jeden von uns lag.

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So war mein Reich doch unter dem milden Licht der Hängelampe, und dort entstanden unter unsren Händen alle die Zauberwerke, die dieser verzauberten Zeit vorbehalten waren: Ketten aus rotem und blauem Glanzpapier, versilberte und vergoldete Nüsse und äpfel und bronzierte Tannenzapfen. Auch mußte heimlich angefertigt werden, was wir selbst auf den Gabentisch zu legen hatten, und dann wurde unter der Leitung des Letzten der Mohikaner unsre Oberstube mit dem grünen Kachelofen und dem Duft der Bratäpfel ein Paradies, in dem wir nicht viel anders schalteten und walteten als Gottvater zu seiner Zeit, wenn er Tiere und Vögel bunt und fröhlich anmalte, um die frohe Erde damit zu erfüllen.

So hatte das Allerheiligste dieses Festes den schönen Vorzug, daß vor ihm eine Reihe von “Vorhöfen” lagen, in denen das Letzte bereits zu ahnen war, und nicht der geringste von ihnen war die Stätte der Weihnachtsbäckerei, die vom Reiben der Mandeln bis zur Herstellung des Marzipangusses alle Künste erforderte, derer wir fähig waren, und bei der nicht etwa das Recht auf Abfälle und Reste das Beseligende war, sondern die schöne Feierlichkeit alter Gebräuche und Rezepte, die Eintracht, der Friede, das stille Geborgensein im tief verschneiten Haus und in der Liebe der Eltern, die um diese Zeit ja von besonderer Innigkeit war.

Und gingen bei aller Tätigkeit die Tage auch mit erschreckender Langsamkeit dahin, so kam doch einmal der Morgen, an dem der Baum hereingeholt und in seinen Fuß gestellt wurde, worauf er in der Vorderstube verschwand und damit das Haus und das Leben in zwei Hälften zerfielen, eine irdische und eine himmlische. Früher als sonst wurde die Wirtschaft “beschickt”, wie man bei uns sagte, und während wir beim Licht der Stallaterne auf der Futterkiste saßen, indes die Pferde gefüttert und die Kühe gemolken wurden, während die großen Schatten der Tiere an den Wänden auf und nieder glitten, die Ketten sich leise rührten und aus den Wäldern der Ruf der Eulen über die verschneite Erde ging, hörten wir den Geschichten des Knechtes und des Mädchens zu, biblischen, weltlichen und jenseitigen Geschichten, mit der Gläubigkeit einfacher Seelen erzählt, und Haus und Stall erschienen unsren erschauernden Herzen als der stille, verschollene Mittelpunkt aller Welt, umgeben von himmlischen Heerscharen, überstrahlt vom Stern von Bethlehem, und wir selbst auf eine unverlierbare Weise eingebettet in eine göttliche Vaterhand, aus der uns kein Leben und kein Tod jemals würden vertreiben können.

Unendliche Stunden am Ofenfeuer der Wohnstube, indes nebenan hinter der verschlossenen Tür Schritte und Stimmen heimlich gehen, Papiere rascheln und ab und zu ein Ton leise aufklingt, als habe man eine Geige berührt oder ein geheimnisvolles Instrument, von den Engeln bis in unsre Wälder gebracht. Hoffnung, Verzagtheit, Seligkeit und Angst. Bis doch einmal die Tür sich öffnet und in unsere fassungslosen Augen und Herzen das Allerheiligste überwältigend sich stürzt.

Was gab es auf dem kleinen Gabentisch, was ich noch besitzen möchte? Einen Taubenschlag, anderthalb Spannen hoch, und wenn man eine Kurbel dreht, ertönt eine ganz zarte, leise und verstimmte Melodie. Einen Leierkasten an einem breiten grünen Band, und wenn man den Deckel öffnet, sieht man die Walzen mit glänzenden Stiften sich langsam gegeneinander drehen. Ein Paar Schlittschuhe für uns drei Brüder zusammen, eine Kegelbahn und eine Kanone. Ein Buch vom Schmied von Ruhla und vom Rattenfänger von Hameln. Holztiere mit steifen Beinen und herrliche Bäume, die man hinstellen kann, wo man will, und die so grün sind, daß sie sicherlich nicht von dieser Welt stammen. Und dann der erste kleine Tesching, den ich ins Bett nehme, und einen Säbel, über dem ich vor dem Einschlafen auf der Brust die Hände falte, so daß ich daliege wie ein kleiner Ritter in einer Kirchengruft.

Täuscht mich die Erinnerung oder liegt ein ganz kleiner Schmerz neben allen diesen Freuden? Und ist es nicht deshalb, weil meine Mutter leise weint unter dem brennenden Baum? Zuerst ist es der gestorbene Bruder, den sie nie vergißt, und dann ist es wohl ein leiser Gram um manches, was im Jahr gewesen ist, und um manches, das sich nicht erfüllt hat und von dem sie weiß, daß es sich nie erfüllen wird. Und dann ist es wohl die Ahnung, daß der Tod früher für sie kommen wird als für uns andere und daß sie gehen wird, ohne zu wissen, was aus uns werden wird, und ob wir auch nie vergessen werden, daß Gott durch alle Wände sieht.

Aber für ein Kind ist das ein kleiner Schmerz, denn wenn die Träne vorbei ist, glaubt es, daß alles andre vorbei sei. Und niemals kann dieser Abend aufhören, weil es ihn noch in seine Träume mitnimmt, die Hände um die kostbarsten Geschenke gefaltet und jedes Erwachen versichert es der Seligkeit des Gestern und des Morgen.

Aus dem Buch Wälder und Menschen: eine Jugend, von Ernst Wiechert (1887 – 1950).

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